Foto: M.Kirschner

Standpunkt: Reisen, jetzt erst recht

Es ist schon ein wenig merkwürdig. Seit einigen Jahren meiden viele Urlauber die Strände zwischen El Gouna und Marsa Alam in Ägypten aus Angst vor Terror. Dabei ist dort in über 30 Jahren nicht soviel passiert, wie in einer Woche in Bayern. Was folgert daraus? Eine Reisewarnung für München, die Empfehlung, Ansbach weiträumig zu umfahren oder Würzburg zu meiden? Nein, die einzige Schlussfolgerung kann doch nur sein, dass es nicht möglich ist, vor seiner Angst davon zu laufen. Irgendwann wird sie einen wieder einholen.

Domplatte statt Bazar

Vor einigen Wochen erlebte ich in Hurghada eine spannende Diskussion über die schlimmen Vorfälle in der Silvesternacht in Köln. Eine ziemlich steile, aber bei genauem Nachdenken durchaus plausible These lautete: „Falls das alles Nordafrikaner waren, dann wäre das doch alles nicht passiert, wenn der Fremdenverkehr in ganz Nordafrika nicht zusammengebrochen wäre.“ Tatsächlich haben die Flüchtlingsströme im vergangenen Jahr auch viele junge Menschen mit nach Europa geschwemmt, die ansonsten vielleicht in den Souks und Bazaren von Agadir bis Alexandria wie gewohnt Touristen übers Ohr gehauen hätten. Business as usual eben.

Verbrechen bleibt Verbrechen

Das soll jetzt natürlich nicht die Schuld umkehren, Verbrechen bleibt Verbrechen und jeder soll auch seine gerechte Strafe bekommen. Das Beispiel soll nur veranschaulichen, wohin die eigene Furcht führen kann. Die jenigen, die sich zu solchen Taten hinreißen ließen, mögen vielleicht auch schon zuhause nicht die angenehmsten Zeitgenossen gewesen sein. Doch seien wir ehrlich: Wer auf einem orientalischen Markt von Händlern abgezockt wird, ärgert sich vielleicht, aber betrachtet es dann auch als ein Stück Folklore.

Reisen bildet und verbindet

Seit geraumer Zeit sagen Reiseunternehmer, dass es kaum noch möglich sei, Reisen in muslimische Länder zu verkaufen. Das ist aus zwei Gründen fatal. Der eine ergibt sich aus dem bislang erwähnten: Die wirtschaftlichen Grundlagen in der Tourismusindustrie dieser Länder brechen zusammen, was dann auch wieder den Fluchtdruck erhöht. Doch es gibt noch ein weiteres Problem. Je weniger Menschen nach Ägypten, Tunesien oder auf die Malediven reisen, desto weniger Kontakt gibt es mit dieser Kultur. Und mit den sinkenden Kontakt verschwindet auch mehr und mehr das gegenseitige Verständnis – und das in einer Zeit in der beide Kulturen, die christliche wie die islamische, unter einer entsetzlichen Terrorwelle leiden. Schon Alexander von Humbold sagte: „Die schlimmste Weltanschauung ist die derjenigen, die die Welt nie geschaut haben“.

Alle müssen mitziehen

Gerade Tauchern sagt man ja eine gewisse Weltoffenheit, Toleranz – und Furchtlosigkeit nach. Ansonsten wären zum Beispiel die Urlaubsgebiete am Roten Meer niemals entstanden. Doch auch viele von ihnen meiden ihr einstiges „Hausriff Europas“. Aber nicht alle tun das freiwillig. Viele große Fluggesellschaften haben ihre Flugpläne sehr, sehr ausgedünnt. Es ist logisch, denn sie denken wirtschaftlich. Aber ist dieses Denken auch klug – und langfristig gewinnbringend? Großzügigere Flugpläne wären ein Zeichen, oder die absurd hohen Sportgepäcktarife zu senken oder abzuschaffen, ein anderer. Wenn Taucher so etwas wie die „Pionierpflanzen der Tourismus sind“, dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt,  ein Zeichen für das Miteinander zu setzten und nun gerade eine Reise nach Ägypten, auf die Malediven oder nach Indonesien zu buchen. Dabei könnten sie durchaus Unterstützung gebrauchen. Auch Airlines und Reiseunternehmen stehen letztlich in der Pflicht, diese inzwischen so schmale Brücke zwischen den Kulturen nicht ganz zusammenbrechen zu lassen.

Peter S. Kaspar

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