Was ist aus dem Seaorbiter geworden?

Sea_Orbiter_0042560Fünf Jahre ist es her, da sorgte Bestsellerautor Frank Schätzing mit seiner dreiteiligen Fernsehdokumentation: „Das Universum der Ozeane“ für beträchtliches Aufsehen. Der letzte Teil endet mit einem Sprung in die Zukunft. Schätzing steht auf einem futuristisch anmutenden Wasserfahrzeug, dem „Seaorbiter“ der nach Schätzings Worten im Jahre 2012 zu seiner ersten Mission starten solle. Das Jahr 2012 ist längst vorbei, doch was ist aus dem Seaorbiter geworden? Sind die Träume von dieser riesigen, treibenden Forschungsstation geplatzt oder wird der erste Seaorbiter bald in See stechen? Ob Microsoft oder Monacos Fürst Rainier – die Unterstützung für das ehrgeizige Projekt ist jedenfalls da. Selbst die Raumfahrtindustrie mischt mit.

Träumer oder Visionär?

Geistiger Vater des Seaorbiters ist der französische Architekt Jacques Rougerie. Und der verweist auf eine imposante „Ahnenreihe“ von Menschen, die ihn inspiriert haben, sie reicht von Jules Vernes über Jacques Piccard bis Jacques-Yves Cousteau. Diese Namen sind denn auch so eine Art Programm für den Seaorbiter. Rougerie will seine Schöpfung über die Weltmeere treiben lassen, mit den Meeresströmen, um von dieser wissenschaftlichen Plattform aus die Ozeane zu erforschen. Es ist nicht Rougeries erstes Projekt. Der 70jährige hat sich unter anderem einen Namen mit Unterwasser-Bauten gemacht. Seine Visionen vom Leben auf dem Meeresgrund sind allerdings bislang eher Träume geblieben.

Notwendige Forschung

Doch mit dem Projekt Seaorbiter trifft der Franzose auf einen wunden Punkt. Inzwischen wisse die Menschheit mehr über die Oberfläche des Mondes, als über die Ozeane auf dem eigenen Planeten, wird immer wieder behauptet. In der Tat scheint das Wissen der Menschen über die Meere schon sehr lückenhaft. Und viele dieser Lücken, so glaubt Rougerie, könnte solch ein Seaorbiter schließen. Freilich gibt es auch Forschungsschiffe, die jeden Ort des Meeres erreichen können um dort gezielt zu suchen. Doch der Seaorbiter soll gar nicht gezielt suchen, sondern sich nach Möglichkeit mit den Meeresströmungen treiben lassen. Solche Langzeitstudien kann ein herkömliches Schiff gar nicht leisten. Immerhin sind die Meeresströmungen so eine Art Kraftwerk für die Erde. Sie bestimmen nämlich letztlich das Klima in verschiedenen Regionen der Erde. Ein anderes Beispiel ist der Müll. Mitten im Pazifik treibt ein Müllteppich in der Größe des Saarlandes, der sich aus Müll von der ganzen Welt zusammensetzt. Wie kommt das Treibgut ausgerechnet dort hin? Bedrohte Nationen, wie etwa die Malediven, deren Überleben auch von einer Erforschung der Meere abhängen, könnten vom Erkenntnisgewinn des Seaorbiters profitieren. Viele tektonische Platten liegen unter dem Meeresspiegel, wie etwa der atlantische Rücken oder der große afrikanische Grabenbruch, der sich im Roten Meer fortsetzt. So sind auch Projekte in der Erdbeben- und Tsunami-Forschung denkbar.

Der Seaorbiter ein technisches Meisterwerk

Der Seaorbiter soll insgesamt 51 Meter hoch werden, 31 Meter davon sollen unter der Wasserobfläche liegen, ausgstattet mit riesigen Panoramafenstern, um die Umgebung beobachten zu können. Die letzten drei Etagen sind als Dekokammern ausgelegt, so dass von dort auch längere Tieftauchgänge in einigen hundert Metern Tiefe unternommen werden können. Bemannte Klein-U-Boote sollen bis zu 1000 Meter erreichen und unbemannte Unterwasserdrohnen den Forschungsradius bis in eine Tiefe von 6.000 Metern ausdehnen. Das Seefahrzeug ist so konstruiert, dass es nicht kentern und auch die höchsten Wellen abreiten kann.

Platz für 22köpfige Crew

Sechs Besatzungsmitglieder sind für eine reibungslose Reise und die Sicherheit der Seaorbiters verantwortlich. Meist soll der sich ja treiben lassen. Trotzdem ist das Gefährt motorisiert und erreicht dann bei Höchstgeschwindigkeit vier Knoten. Das entspricht etwa Schrittgewindigkeit. Vier Wissenschaftler sollen die anfälligen Forschungsprogramme abarbeiten. Zwei Medienmitarbeiter sind an Bord, die Kontakt mit der Außenwelt halten und möglichst live über die Reise berichten. Schließlich sind noch sechs Aquanauten an Bord, es kann sich dabei um Wissenschaftler oder Astronauten handeln. Sie arbeiten in dem dreistöckigen Dekobereich. Warum Astronauten? Die NASA hat an dem Projekt mitentwickelt und die ESA ist Kooperationspartner. Am Seaorbiter ließen sich ausgezeichnet Außeneinsätze auf der ISS simulieren.

©SeaOrbiter® by Jacques Rougerie
by SeaOrbiter
on Sketchfab

Start mehrfach verschoben

Der Seaorbiter wird kein Schnäppchen. Zwischen 50 und 70 Millionen Euro wird der Bau verschlingen. Das ist in etwa soviel, wie ein Start ins Weltall kostet – mit dem Unterschied, dass der Seaorbiter wesentlich haltbarer und langlebiger ist, als eine Weltraumrakete. Nach 2012 und 2013 ist  nun vom April 2016 die Rede, wenn es um den Stapellauf und die erste Mission geht. Zumindest die steht schon fest. Auf der Jungfernfahrt soll das Mittelmeer erkundet werden. Das liegt ja dann auch vor der Haustür. Einen Abstecher ins Rote Meer, der für die Forscher sicher ebenfalls sehr aufschlussreich wäre, ist dagegen ausgeschlossen. Selbst nach dem Ausbau des Suezkanals wird der eine unüberwindbare Hürde für die Forschungsplattform darstellen. Der Seorbiter reicht 31 Meter unter die Wasseroberfläche – der Suezkanal ist aber nur 24 Meter tief. Aber vielleicht kommt der Seaorbiter ja eines Tages von Süden ins Rote Meer.

Mehr zum Thema auf der Seite von Seaorbiter

 

Text: Peter S. Kaspar   Bilder, Video und 3-D-Animation: SeaOrbiter®/Jacques Rougerie