Vorstoss in frühere Tage
Eintauchen in die Höhlen Mexicos
Der „Rolex Award for Enterprise“ ist ein hoch dotierter Preis, der alle drei Jahre an acht Personen vergeben wird, die in einer wissenschaftlichen Sparte Außergewöhnliches geleistet haben. Darunter sind meist auch Wissenschaftler, die sich mit Meeresbewohnern oder, wie in dieser Geschichte, mit Unterwasserarchäologie beschäftigen. Die Expedition mit dem mexikanischen Archäologen Arturo Gonzalez war eindeutig die spannendste, die ich für Rolex dokumentiert habe: Eintauchen in die Höhlen der mexikanischen Yucatán-Halbinsel, um die Suche der Archäologen nach vielen Tausend Jahre alten Menschenskeletten und Tierknochen in Bildern festzuhalten. Ein Job, bei dem nicht nur fotografisch, sondern auch taucherisch alle Register zu ziehen waren.
Vorstoss in frühere Tage
Eintauchen in die Höhlen Mexicos
Aufnahmen in Höhlen zu machen, unterscheidet ich vom Fotografieren im freien Wasser wie Rock von klassischer Musik! Da das für Weitwinkelaufnahmen so wichtige Umgebungslicht nicht mehr vorhanden ist, muss die ganze Szenerie mit Blitzlicht ausgeleuchtet werden, vor allem der Hintergrund, damit sich die Taucher davor abheben. Für statische Aufnahmen ist es möglich, mehrere Blitzgeräte zu positionieren, wie das in der Regel in Trockenhöhlen gemacht wird.
Doch meine Bilder sollten Aktionen zeigen: der Vorstoß durch die Tunnel und Tropfsteingewölbe, die Arbeit an den Fundstellen – alles aus den verschiedensten Winkeln und „lebendig“. Jeder Taucher im Team wurde deshalb mit einem kabellosen Sklavenblitz ausgerüstet und mit ausführlichen Instruktionen und Trockenübungen auf seine Aufgabe vorbereitet. Da sich die Taucher um den Archäologen Arturo Gonzalez in den finsteren und engen Gewölben offenbar weit wohler fühlen als ein Durchschnittstaucher in der tropischen Lagune, klappte dieses Teamwork hervorragend.
Ein ganz wichtiger Teil der Planung war die Sicherheit. Die strikte Regel, immer nur links oder rechts der Markierungsleine zu schwimmen und diese nie aus den Augen zu verlieren, war bei unserer Fotoarbeit jedoch schlichtweg unmöglich. Jeder, der schon einmal in Höhlen getaucht ist, kann sich gut vorstellen, wie schnell die Orientierung verloren geht und man im Wortsinne nicht mehr ein noch aus weiß. So wurde dann für Arturo und mich ein „Schutzengel“ bestimmt, der den Überblick behielt. Unter dem Strich: Sehr viel Aufwand und lange Tauchgänge von bis zu vier Stunden.
Die Cenote, die wir heute betauchen, heißt „ El Templos“ und liegt mitten im Dschungel. Die spektakulären Funde wurden nicht in den für die Tauchtouristen bestimmten Cenoten gemacht. Hier gibt es keinen Parkplatz, keine Plattformen und Einstiegstreppen. Hinter uns liegt schon ein langer Fußmarsch durch den Busch, vorbei an einem kleinen Mayatempel, wo uns Tausende von blutsaugenden Moskitos überfielen! Dann an der Höhle angekommen noch „Kriechgang“ durch niedrige Gewölbe bis zum Einstieg. All das voll ausgerüstet mit zwei Zwölf-Liter-Geräten auf dem Rücken, dem Reservetank am Gurt und dem ganzen Kameragerödel.
Doch jetzt, nach dem Eintauchen, sind die Strapazen vergessen. Vor mir öffnet sich eine fantastische Unterwasserwelt. Etwa 400 Meter weiter erwarten uns die Gebeine von Menschen, die vor vielen Tausend Jahren hier lebten. Auch Fossilen von längst ausgestorbenen Tieren aus dem Pleistozän, als diese Höhlen trocken lagen, liegen dort.
"Die ältesten Gebeine und Schädel, die vom Archäologen Arturo Gonzalez gefunden wurden, sind circa zwölftausend Jahre alt"
Alles läuft nach Plan, das Tauchteam ist eingespielt und hat seine Sklavenblitze voll im Griff. Zuerst will ich das Vordringen in die Höhle von hinten dokumentieren, um einen „Mit dabei sein“-Eindruck zu erzeugen. Für die letzten 200 Meter werde ich dann weit voraus sein, sodass die Taucher auf die Kamera zuschwimmen. Rund 45 Minuten sind wir nun bereits unter Tage und Arturo Gonzalez hat wieder die Führung übernommen. Jetzt hebt er seinen Arm – das Ziel scheint erreicht.
Die Arbeiten an der Fundstelle sind noch nicht abgeschlossen, alles liegt noch da wie vor vielen Tausend Jahren – äußerste Vorsicht ist also geboten, um beim Fotografieren nichts zu verändern oder gar zu beschädigen. Vor meinem ersten Tauchgang mit den Archäologen ging meine Fantasie etwas durch, erwartete ich doch Berge von Knochen und Schädeln, was natürlich nicht der Fall war. Auch hier sind die Überreste kaum zu erkennen. Die Knochen sind farblich eins mit dem Bodensegment und teilweise davon bedeckt. Heute geht es darum, die genaue Position zu bestimmen. Dazu verwendet Arturo eine exakte Karte des Höhlengangs, einen Kompass und weitere Geräte.
Weniger durch unsere Bewegungen, vielmehr wegen der aufsteigenden Luftblasen ist in der Zwischenzeit das Wasser in dem doch kleinen Gewölbe immer trüber geworden. Um Schwebeteile auf den Bildern zu eliminieren, richte ich deshalb meine beiden Seacam-Blitze immer mehr nach außen. Tauchzeit 150 Minuten – Luftvorrat immer noch im ersten Drittel. Nach Tauchplan Zeit zum Aufbruch, denn vor uns liegt noch ein langer Weg! Durch den ständigen Stellungswechsel habe ich lange keine Ahnung mehr, wo die Leine zurück ans Tageslicht festgemacht ist. Doch mein „Schutzengel“, die mexikanische Höhlentaucherin Flor de Maria, hat alles im Griff , vamos!
Die ältesten Gebeine und Schädel, die vom Archäologen Arturo Gonzalez gefunden wurden, sind circa zwölftausend Jahre alt. Bis jetzt wurde angenommen, dass die ersten Menschen erst viel später aus Asien über Alaska eingewandert sind. Aufgrund dieser Erkenntnisse wird man die Geschichte über die Besiedlung des amerikanischen Kontinents neu überdenken müssen!
Die Rolex Awards
Die Rolex Awards sind eine Reihe von Auszeichnungen zur Förderung des Unternehmergeistes in der Welt. Ausgeschrieben und finanziert durch das Schweizer Uhrenunternehmen Rolex. Die Rolex Awards würdigen herausragende Leistungen, insbesondere in den Bereichen Wissenschaft und Medizin, Technologie und Innovation, Erforschung und Entdeckung, Umwelt und kulturelles Erbe.
Die Preise umfassen großzügige Unterstützung von fünf Preisträgern und fünf Ehrenpreisträgern für ihre bahnbrechenden Bemühungen, um das Wissen zu erweitern. Für ihre neuen Projekte und die Durchführung der laufenden Projekte erhalten die Preisträger jeweils 100.000 Euro, eine goldene Rolex Chronometer und offizielle Anerkennung durch eine Preisverleihung und die internationale Öffentlichkeit.
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Interview mit Helmut Schuhmacher









