Frauen der Meere
Die Geschichte der Haenyo-Taucherinnen
Nur wenige Meter oberhalb der Wellen, welche als weiße Gischt den Felsen emporklettern, hocken mehrere Gestalten im Lotussitz. Alle sind in schwarz glänzendes Neopren gekleidet, tragen einen weißen, baumwollenen Kopfschutz und eine vorsintflutlich anmutende Maske auf der Stirn. Es sind koreanische „Haenyo“-Taucherinnen. Sie haben einen harten und gefährlichen Beruf, der in Korea seit vielen Jahrhunderten Tradition ist.
Frauen der Meere
Die Geschichte der Haenyo-Taucherinnen
Seit der Ankunft auf der Insel Cheju geistert die Idee in meinem Hirn herum, die legendären Taucherinnen bei ihrer Arbeit zu dokumentieren. Jetzt ist die Chance gekommen! Schnell ist der keuchende Diesel unseres Fischkutters abgewürgt und wir dümpeln vor der kleinen Insel in Wartestellung, denn die Haenyo auf dem Felsen meditieren noch immer. Heiß brennt die Sonne auf unsere Anzüge und die Flasche drückt zunehmend härter auf den Rücken.Wir hoffen, dass die Damen bald wieder mit der Arbeit beginnen.
Endlich kommt Leben in die Gruppe und kehlige Laute reißen auch die letzte der Taucherinnen aus dem Halbschlaf. Die Älteste wechselt einige Worte mit unserem Bootsmann. Ihre Stimme passt zum Erscheinungsbild: rau und hart. Der Inbegriff eines Menschen, welcher immer schon eng mit dem Meer verbunden war. Die Taucherinnen möchten von uns an ein Riff, circa 300 Meter von dieser Insel entfernt, gefahren werden, weil sie dort gute Beute vermuten. Das bedarf gar keiner Überlegung, denn eine bessere Gelegenheit für die ersehnten Aufnahmen wird es nicht mehr geben.
"Die Bleigewichte, um den Auftrieb zu kompensieren, tragen sie am Oberkörper. Im Hüftgurt steckt ein flaches Eisen, um die Muscheln von den Felsen zu brechen"
Jetzt während der Überfahrt kann ich die Frauen genau betrachten. Vor allem ihre Köpfe faszinieren mich. Die Haut ist von Wind und Salzwasser gegerbt und die Haare grau durchzogen. In freundlichen und offenen Gesichtern blitzen lebhafte, dunkle Augen. Die Ausrüstung der Haenyo ist primitiv. Zwar hat ein etwa drei Millimeter dicker Glatthaut-Neopren-Anzug das traditionelle weiße Baumwollgewand abgelöst. Von dieser Zeit zeugen nur noch die Kopfbedeckung und die kreisrunden Masken, welche mit getrennten dünnen Gummibändern um den Kopf befestigt sind.
Entgegen aller Tauch-Lehrmeinungen haben diese Taucherinnen ausnahmslos ihre Ohren mit einer wachsartigen Dichtmasse verstopft. Die Bleigewichte, um den Auftrieb zu kompensieren, tragen sie am Oberkörper. Im Hüftgurt steckt ein flaches Eisen, um die Muscheln von den Felsen zu brechen. Große Ringnetze mit weißen Auftriebskörpern nehmen die Beute auf und dienen als Schwimmhilfe. Wir sind wohl bei besagter Stelle angekommen, denn plötzlich geht alles sehr schnell.
Die Netze fliegen über Bord und mit einem großen Sprung setzen die Taucherinnen hinterher. Rasch verteilen sie sich in alle Richtungen. Durch die Masken beobachten sie den Meeresgrund und in regelmäßigen Abständen stechen sie dann gewandt kopfüber in die Tiefe. Gute zwei Minuten dauert es jedes Mal, bis der Kopf wieder an der Oberfläche erscheint. Dann ist immer ein melodisches Pfeifen zu hören. Es ist eine spezielle Atemtechnik, welche auch von den japanischen AMA-Taucherinnen angewendet wird.
"Es war den Geschichtsschreibern nämlich streng verboten, diese Frauen in ihren Schriften zu erwähnen: Weil die Haenyo von der Oberschicht und den Adeligen des Landes nicht akzeptiert wurden"
Die Unterwasserwelt hier in Südkorea ist fremdartig. Kaltwasser-Tangwälder wachsen auf vulkanischem Gestein neben tropischen Weichkorallen. Dieser Kontrast zeigt sich auch bei den Fischen. Es ist keine Seltenheit, einen tropischen Rotfeuerfisch neben Kaltwasser liebenden Formen wie Felsenbarschen zu entdecken. 15 Meter über mir schwebt eine Haenyo. Für einen letzten tiefen Atemzug hebt sie den Kopf noch einmal weit aus dem Wasser und stößt dann kopfüber in die Tiefe.
Flink und behände wie ein Fisch gleitet sie über die Felsen, unter Überhänge und zwängt sich durch Spalten. Ihre geübten Augen entdecken sofort die begehrten Muscheln oder Seeigel, die sie blitzschnell mit dem Eisen vom Fels ablöst. Es ist erstaunlich, wie lange die Frau trotz der körperlichen Anstrengung unter Wasser bleiben kann. Wieder an der Oberfläche, wird der Fang im Beutenetz verstaut, um so schnell wie möglich wieder in die Tiefe zu tauchen. Eine Stunde schon bin ich nun mit den Haenyo im Wasser.
Die physischen Leistungen, welche die Taucherinnen an den Tag legen, sind enorm. Jede der Frauen ist sicherlich über 30 Mal in Tiefen bis 20 Meter vorgestoßen. Die Schwimmnetze füllen sich mehr und mehr. Doch wie es scheint, ist ihre Arbeitszeit noch nicht zu Ende. Obwohl es die Haenyo-Taucherinnen, wie man heute weiß, schon vor mehreren Jahrhunderten gegeben hat, existieren keine Dokumente.
Es war den Geschichtsschreibern nämlich streng verboten, diese Frauen in ihren Schriften zu erwähnen: Weil die Haenyo von der Oberschicht und den Adeligen des Landes nicht akzeptiert wurden. Sie galten als ungebildet, wild, eigensinnig, viel zu selbstständig und benutzten einen Sprachschatz, welcher alles andere als gesellschaftsfähig war. Als Gipfel der Unverschämtheit tauchten sie auch noch halbnackt in die Tiefen der Meere.
"Das Schrecklichste aber sei der Angriff eines großen Hais gewesen. Eine der Taucherinnen hatte sich vorher irgendwie verletzt und viel Blut verloren"
Heute sind die Haenyo angesehen und geachtet, auch wenn sie eine ganz spezielle Sippschaft geblieben sind. In ihrer Sprache, ihrem Auftreten und dem Aussehen spiegelt sich die Tatsache wider, dass es sich um zähe und selbstbewusste Frauen handelt. Sie leben und arbeiten in Gemeinschaft. Männer haben bei ihnen, jedenfalls bei der Arbeit, nichts zu suchen. Ihre harte Taucherei hat sie zusammengeschweißt, denn sie ist anstrengend und gefährlich.
Vier bis fünf Stunden täglich sind sie im Wasser und sammeln alles, was an Essbarem auf dem Meeresgrund zu finden ist. Muscheln, Seescheiden, Tintenfische, Krabben und eine bestimmte Art von Seetang, der sehr schmackhaft ist. Ein Boot wird nur in den wenigsten Fällen benützt. Meist tauchen sie von der felsigen Küste aus und legen weite Strecken zurück, um an beutereiche Riffe zu gelangen. Hohe Wellen und Strömungen können den Frauen bis zur Erschöpfung zusetzen. „Viele meiner Kolleginnen habe ich im Meer verloren“, erzählt eine über 70 Jahre alte, aber immer noch aktive Taucherin meinem Dolmetscher. Sie sei hängengeblieben beim Versuch, eine besonders große Muschel aus einer Spalte zu holen und wurde von der Strömung weggetragen.
Das Schrecklichste aber sei der Angriff eines großen Hais gewesen. Eine der Taucherinnen hatte sich vorher irgendwie verletzt und viel Blut verloren. Und plötzlich war der Raubfisch da. „Bald wird es keine Haenyo-Taucherinnen mehr geben“, fährt die betagte Frau fort. Obschon mit diesen Meeresfrüchten heute gutes Geld verdient werden kann, wollen die jungen Mädchen nicht in die Fußstapfen der Haenyo treten. Eine Tradition, welche Hunderte von Jahren existierte, wird deshalb bald verschwunden sein.
Malen für Biodiversität
Project Aware Kindermalwettbewerb 2010








