Die Sirenen des Kolumbus
Tauchen mit den Manatis
Es ist ein bitterkalter Februarmorgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang. Das Thermometer sank diese Nacht auf ganze fünf Grad und ich habe das Gefühl, dass der Wind, der mir auf der Kanufahrt über den See um die Ohren weht, noch um einiges kälter ist. Solche Temperaturen sind im „Sunshine State“ Florida eher selten und auch unbeliebt. Uns jedoch kommt das sehr gelegen. Denn es ist die einzige Möglichkeit, die sagenhaften Seekühe mit dem Namen Manati aus der Tiergattung Sirenia zu sehen. In den warmen Quellen des Crystal River überwintern die Tiere und verbringen die kalten Nächte in den Quelltöpfen, wo das Wasser mit einer Temperatur von 22 Grad aus dem Boden sprudelt.
Die Sirenen des Kolumbus
Tauchen mit den Manatis
Erst zwei bis drei Stunden nach Sonnenaufgang verschwinden sie dann in den seichten Ufergebieten, um sich den Magen mit 40 bis 50 Kilogramm Wasserpflanzen vollzustopfen. Nur mit Maske, Flossen und der UW-Kamera ausgerüstet, gleite ich ins Wasser. Mit geräuschlosen Flossenschlägen geht es vorsichtig in Richtung Quelltopf – ein großer Krater, aus dem der eigentliche Crystal River entspringt, der dann 15 Meilen westlich in den Golf von Mexiko mündet. Das Wasser wird jetzt immer klarer und plötzlich sehe ich sie vor mir: groß und massig, wie schlafend am Boden liegend – die Manatis. Etwa 60 Millionen Jahre ist es her, dass eine bestimmte vierfüßige, pflanzenfressende Gruppe von Säugetieren unsere Erde bevölkerte.
Sie konnten sich den verschiedenen Umweltbedingungen über viele Jahrtausende anpassen, bis sie sich in verschiedene Gruppen aufspalteten. Zwei davon blieben an Land: der Elefant und der Hyrax, eine inzwischen ausgestorbene Art, die stark dem in Wäldern Nordamerikas und Kanadas lebenden „Woodchuck“, einem Murmeltier, glich. Der dritte Abkömmling suchte den Weg ins Wasser: die Manatis. Sie gehören zu den Sirenen und werden auch Seekühe genannt, weil sie die meiste Zeit des Tages damit verbringen, Wasserpflanzen abzuweiden. Als Sirenen werden in der griechischen Mythologie Wesen bezeichnet, die halb Fisch halb Frau sind.
Die erste niedergeschriebene Beobachtung der amerikanischen Manatis stammt aber von Christoph Kolumbus aus dem Jahre 1493: „Die Meeresjungfrauen, die wir fast täglich sehen, haben zwar im Gesicht etwas Menschliches, sind aber beileibe nicht so schön, wie die Maler sie immer darstellen ...“ Nach vielen Monaten auf See, mit einiger Fantasie und durch die schillernde Wasseroberfläche beobachtet, könnten Seeleute in den Manatis vielleicht wirklich die Fabelwesen Sirenen gesehen haben.
"Die Manatis können in Salz- und Süßwasser leben. Als Luftatmer kommen sie alle zwei bis vier Minuten zur Oberfläche, wenn sie sich aktiv bewegen. In Ruhe reicht ein Atemzug alle zehn bis 15 Minuten"
Der Körper der Manatis endet in einem großen, paddelförmigen Schwanz. Wie bei anderen Meeressäugern ist er horizontal angelegt und bildet einen starken Antrieb. Das Tier ist sehr schwach behaart und kann nicht besonders gut sehen. Manatis werden bis zu vier Meter lang und können ein Gewicht von 500 Kilogramm und mehr erreichen. Ihre Lebenserwartung beträgt etwa 50 Jahre.
Männchen und Weibchen sind gleich groß und gleich gefärbt. Kurze, steife Barthaare wachsen an der Schnauze. Die Vorderbeine sind ebenfalls paddelförmig und beim genauen Hinschauen sind eine Art „Fingernägel“ zu entdecken. Sicher ein Überbleibsel aus der Urzeit, als die Vorfahren noch an Land herumliefen. Kaum sichtbare Ohrenöffnungen hinter den Augen ermöglichen dem Manati ein gutes Wahrnehmen von Geräuschen. Sie können Quiek- und Pfeiftöne erzeugen, um wohl speziell in trübem Wasser ein Zusammenbleiben von Mutter und Kalb zu gewährleisten.
Manati-Weibchen bringen nur alle fünf Jahre nach etwa 13 Monaten Tragzeit ein Junges zur Welt. Ähnlich den Walen hebt auch die Manati-Mutter das soeben geborene, circa 30 Kilogramm schwere Baby für den ersten Atemzug an die Oberfläche. Schon nach einer Stunde beginnt der kleine Manati zu trinken. Die Zitzen für die Milch befinden sich unter den Brustflossen der Mutter. Nach einem Monat wird das Jungtier schon kleine Pflanzen fressen können, sich aber noch mindestens zwei Jahre mit Muttermilch versorgen. Manati-Mütter säugen auch fremde Kälber und leben in Gemeinschaften miteinander.
Die Manatis können in Salz- und Süßwasser leben. Als Luftatmer kommen sie alle zwei bis vier Minuten zur Oberfläche, wenn sie sich aktiv bewegen. In Ruhe reicht ein Atemzug alle zehn bis 15 Minuten. Sind sie auf Tauchstation, schließen Klappen die Nasenlöcher und das Herz schlägt nur noch ganze dreißigmal pro Minute. Manatis sind kälteempfindliche Tiere und benötigen daher mindestens 15 Grad warmes Wasser. Tiefere Temperaturen haben Lungenentzündung und Abmagern zur Folge, weil der Manati nicht mehr essen respektive verdauen kann.
Sobald die Temperaturen sinken, wandern die Tiere nach Süden oder suchen die warmen Quellen von Flüssen auf, wie das in Florida der Fall ist. Hier bleiben sie in der Regel während der Monate Januar, Februar und März, dann zerstreuen sie sich und ziehen flussabwärts zur Küste zurück.
Seit Jahrhunderten wurden die Manatis von den Eingeborenen, später auch von den weißen Einwanderern wegen des wohlschmeckenden Fleisches getötet. Die dicke Haut wurde zu Leder verarbeitet, das Öl aus der Leber verwendete man zum Kochen und in Lampen und aus den Knochen entstanden Schnitzereien. Der Jäger ist seit Langem nicht mehr der Feind dieser Tiere. Vielmehr sind zeitbedingte Ursachen dafür verantwortlich, dass die Sirenen vom Aussterben bedroht sind: Vergiftungen, Kälteeinbrüche, Verbauungen in Flüssen und vor allem Kollisionen mit Booten.
Die einstmals großen Herden haben erschreckend abgenommen und die harmlosen Kreaturen kämpfen nur noch ums Überleben. Neben dem Manati der Süßgewässer Floridas und der Karibik, der auch Nagel-Manati heißt, gibt es zwei weitere Arten: den Fluss-Manati aus dem Amazonas und den Afrikanischen Manati aus Flüssen und Küstengewässern Westafrikas. Alle drei Arten werden aber immer seltener und sind allgemein stark gefährdet. Jahr für Jahr werden mehr Lebensräume dieser Tiere zerstört, durch Wasserverschmutzung, Verbauungen, Trockenlegungen und industrielle Entwicklungen.
Die Seekühe sind gezwungen, die einstmals einsamen und unbevölkerten Gebiete aufzugeben und in gefährliche,viel befahrene und viel befischte Gewässer auszuweichen. 1978 wurde der „Florida Manatee Sanctuary Act“ verabschiedet und der Staat Florida zum Heimat- und Schutzgebiet der Manatis erklärt. Auch andere Länder der Karibik haben die Tiere unter Schutz gestellt. Zum Teil wurden Schutzzonen errichtet, die nicht befahren, betreten oder beschwommen werden dürfen.
An Küsten und in Flüssen, die von Manatis durchwandert werden, darf mit den Booten nur im Schritttempo gefahren werden. Trotz allem registrieren die zuständigen Stellen, dass jährlich immer noch zu viele Tiere eines nicht natürlichen Todes gestorben sind. Wie viele wären es ohne all diese Schutzmaßnahmen? Wissenschaftler beobachten bereits Verhaltensänderungen bei den Tieren. Sie sind scheuer geworden, wandern meistens nur noch bei Nacht und schwimmen am Rande von Flüssen, weil dort weniger Boote verkehren.
Aber die Zeit läuft ab für den Manati. Kann er sich so schnell anpassen, um zu überleben? Der einzige bedohliche Feind der Manatis ist der Mensch – gerade er versucht nun zu helfen. Der Mensch ist die einzige Hoffnung der letzten Sirenen.
Manatees in Crystal River

Im Crystal River National Wildlife Refuge dreht sich alles um die Seekühe. Die Touren konzentrieren sich auf das Areal um die King´s Bay. Die Wassertemperatur liegt konstant zwischen 20 und 22 Grad, die Tiefe schwankt zwischen zwei und neun Metern. Die beste Reisezeit für Manatee Begegnungen ist von November bis April.
Anreise:
Mit dem Flugzeug nach Tampa oder Orlando, dann weiter per Mietwagen nordwärts nach Crystal River. Viele Dive Shops dort bieten geführte Touren zu den Seekühen an.
Tipps:
Wenn möglich, legen Sie den Besuch der Manatees auf einen Termin unter der Woche. An den Wochenenden ist der Besucherandrang groß. Auch Kinder können mit den Manatees schnorcheln – es gibt keine Altersbegrenzung. Die Manatees sind absolut ungefährlich und harmlos! Verhalten Sie sich ruhig, die Tiere werden von selbst Kontakt mit Ihnen aufnehmen. Schnorchelerfahrung ist von Vorteil, damit man sich voll auf das Erlebnis konzentrieren kann.
Dieser Artikel ist erschienen in 04/2011
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